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14.12.2022

Trendbrief Nr. 9: Außenansicht von Prof. Dr. Stephan von Cramon-Taubadel

Die Eskalation von Russlands Krieg in der Ukraine seit dem 24. Februar 2022 hat die ohnehin angespannten Agrarmärkte zusätzlich verunsichert. Zu mindest kurz- und mittelfristig muss davon ausgegangen werden, dass die Kornkammer Schwarzmeerregion weniger und unberechenbarer zur globalen Lebensmittelversorgung bei tragen wird, als vor Russlands Angriff erwartet wurde. Vor dem Hintergrund  einer seit 2018 wieder steigenden Zahl von hungernden Menschen weltweit ist dies eine verheerende Aussicht.

Häufig wird argumentiert, dass der Hunger vor allem ein Verteilungsproblem ist. Das stimmt nur rein rechnerisch und der Hinweis auf Umverteilung hilft den Hungernden wenig, wenn er nicht mit entsprechenden umsetzbaren Maßnahmen unterfüttert wird. Als besonders wirksame Maßnahme wird z.B. eine Reduktion des Fleischkonsums vorgeschlagen. Ca. 40% der globalen Ackerfläche werden für die Erzeugung von Futtermitteln verwendet; wenn die Nachfrage nach Futtermitteln zurückginge, könnten Teile dieser Flächen für die menschliche Ernährung eingesetzt werden. In der EU geht der Fleischkonsum aufgrund der zuletzt stark steigenden Preise ohnehin zurück. Darüber hinaus sollten weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Fleischkonsums in der EU ergriffen werden.

Global betrachtet ist jedoch zukünftig mit einer steigenden Pro-Kopf-Nach frage nach Fleisch zu rechnen. Der durchschnittliche jährliche Pro-Kopf Fleischkonsum weltweit (ca. 40 kg) liegt nur etwa halb so hoch wie in der  EU (ca. 80 kg), und die EU verfügt über kein Instrument, mit dem sie die absehbaren Steigerungen der Fleischnachfrage, insbesondere in vielen Ländern des globalen Südens, nennenswert beeinflussen könnte. Eine Reduktion des Fleischkonsums in den Industrielän dern würde das globale Ernährungs system erheblich entlasten, dennoch wird dieses System zukünftig mehr produzieren müssen. 

Daher wird es zukünftig auch auf Innovation und Produktivitätssteigerungen im globalen Ernährungs system ankommen. Produktivitätssteigerung bedeutet eine Erhöhung  des Output-Input-Verhältnisses. Bei der Messung der Produktivität sollten auch externe Effekte wie Biodi versitätsverluste und Treibhausgas emissionen berücksichtigt werden.  

Vor diesem Hintergrund enthält die F2F-Strategie der EU-Kommission Licht und Schatten. Positiv zu bewerten sind unter anderem Maßnahmen, die die Förderung von Forschung und  Innovation im Agrarsektor sowie der Digitalisierung im ländlichen Raum vorsehen. Zu begrüßen ist folgende Feststellung: „Neue innovative Techniken, einschließlich der Biotechnologie und der Entwicklung biobasierter Produkte, können bei der Steigerung der Nachhaltigkeit eine Rolle spielen [...]. Mit ihnen lässt sich auch die Verringerung der Abhängigkeit von Pesti ziden beschleunigen.“ 

Weniger zielführend sind indes die in der F2F-Strategie angekündigten Ziele, bis 2030 den Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche in der EU auf 25% anzuheben und den Einsatz von chemischen Pestiziden um 50% zu reduzieren. Zum einen ist noch unklar, wie diese ehrgeizigen Ziele in nur sieben Jahren bis 2030 umgesetzt werden sollen. Zum anderen zeigen mehrere Studien, dass die Umsetzung dieser Ziele internationale Leakage-Effekte auslösen würde.2 Mehr ökologischer Anbau und weniger Pflanzenschutzeinsatz würden Produktionsrückgänge in der EU verursachen, die bei weiterhin steigender globaler Nachfrage Preissteigerungen und verstärkte Produktionsanreize in anderen Ländern auslösen  würden. Bei lokalen Umweltgütern  wie Insektenvielfalt würden diese Maßnahmen daher zu einer räumlichen Verlagerung negativer Effekte führen; bei dem Umweltgut Klimaschutz könnten die globalen Nettoeffekte sogar negativ ausfallen, wenn  die Treibhausgasemissionen anders wo stärker steigen, als sie in der EU zurückgehen. Kritik an einigen F2F-Maßnahmen ist keineswegs gleichzusetzen mit  einem „Weiter so“ in der Agrarpolitik. Nur eine nachhaltige Landwirtschaft kann die Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung langfristig gewährleisten. Die EU Landwirtschaft ist Mitverursacher  von immensen Umweltschäden, die  dringend reduziert werden müssen.  Auf den Sektor kommen gewaltige und dringende Anpassungen zu, die in Brüssel bei sorgfältiger Berück sichtigung globaler Zusammenhänge  und im Dialog mit allen betroffenen  Akteuren gestaltet werden müssen.

Nur eine nachhaltige Landwirtschaft kann die Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung langfristig gewährleisten.

Prof. Dr. Stephan v. Cramon-Taubadel, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Universität Göttingen

Lesen Sie die 9. Ausgabe des Trendbriefes Agrarwirtschaft.

Quellen:

1. Europäische Kommission (2020): „Vom Hof auf den Tisch“ – eine Strategie für ein faires, gesundes und umweltfreundliches Lebensmittelsystem. COM(2020) 381 final. bit.ly/3E1nHkF 

2. Z.B. Joint Research Centre (2021): Modelling environmental and climate ambition in the agricultural sector with the CAPRI model. bit.ly/3h19Weg; Bremmer et al. (2021): Impact Assessment of EC 2030 Green Deal Targets for Sustainable Crop Production. Wageningen. bit.ly/3VI5Bva; Henning et al. (2021): Ökonomische und Ökologische Auswirkungen des Green Deals in der Agrarwirtschaft. Eine Simulationsstudie der Effekte der F2F-Strategie auf Produktion, Handel, Einkommen und Umwelt mit dem CAPRI-Modell. Kiel. bit.ly/3VtyAmy.